Der Hinduismus in Vietnam

Durch die alten Handelsrouten, die Indien mit Südostasien verbanden, gelangte der Hinduismus nach Vietnam und prägte tiefgreifend die Kultur des Cham-Reiches. Noch heute finden sich seine Spuren in den Cham-Tempeln wie Po Nagar oder My Son – Symbole eines einzigartigen spirituellen und künstlerischen Erbes. Mehr als nur ein Überbleibsel der Vergangenheit ist der Hinduismus in Vietnam ein lebendiges Zeugnis des historischen Dialogs zwischen Indien und Vietnam.

Allgemeiner Überblick über den Hinduismus

Der Hinduismus gehört zu den ältesten Religionen der Welt und zählt heute über eine Milliarde Anhänger. Er entstand vor mehreren Jahrtausenden in Indien und vereint ein komplexes Gefüge religiöser, philosophischer und kultureller Lehren, die tief in der indischen Tradition verwurzelt sind. In Indien ist der Hinduismus bis heute die dominierende Religion.

Der Hinduismus, entstanden in Indien, ist eine der ältesten Religionen der Welt und tief in der spirituellen und kulturellen Identität des indischen Volkes verankert.

Das hinduistische Leben basiert auf vier grundlegenden Prinzipien, den Purusarthas, die als wesentliche Ziele der menschlichen Existenz gelten:

  • Dharma: moralische Pflicht und rechtschaffenes Verhalten, Grundlage der sozialen Ordnung

  • Artha: das Streben nach gerechtem materiellen Wohlstand

  • Kama: die Suche nach Liebe, Leidenschaft und Lebensfreude

  • Moksha: die spirituelle Befreiung, die endgültige Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten

Unter diesen Zielen gilt Dharma als grundlegend: Ohne moralisches Gleichgewicht führen Artha und Kama nur zum Chaos und verhindern die Erreichung von Moksha.

Der Hinduismus lehrt Reinheit des Herzens, Mitgefühl und Hingabe an die Götter. Das heilige Symbol „Om“ (oder Aum), eine Verschmelzung der Sanskrit-Laute A, U und M, steht für die ursprüngliche Schwingung des Universums – eine transzendente Intonation jenseits von Sprache, Kultur und Glauben.

Ursprünge des Hinduismus in Vietnam

Wie der Buddhismus gelangte der Hinduismus über die alten Seehandelsrouten nach Vietnam, die Indien mit Südostasien verbanden. Er entfaltete sich besonders im Cham-Reich (7.–19. Jahrhundert), einem ehemaligen Staat an der zentralen Küste Vietnams, wo er Kultur, Kunst und Architektur stark beeinflusste.

Heute leben etwa 50.000 hinduistische Cham, vor allem in den Küstenprovinzen Ninh Thuan und Binh Thuan sowie in Ho Chi Minh-Stadt, wo sich mehrere aktive Tempel befinden.

Hinduistische Einflüsse finden sich zudem in bestimmten vietnamesischen Bräuchen wieder, etwa in Reinigungsriten, familiären Opfergaben oder dem Tragen heiliger Fäden zum Schutz vor bösen Geistern – Traditionen, die aus dem spirituellen Synkretismus zwischen Indien und Vietnam hervorgegangen sind.

Hinduistische Tempel in Vietnam

Der Hinduismus hat im Land beeindruckende architektonische Spuren hinterlassen. Die Cham-Tempel aus rotem Backstein, reich verziert mit kunstvollen Reliefs, zeugen von einem einzigartigen Zusammenspiel indischer Kunst und lokaler Kultur.

Tempel Mariamman (Ho Chi Minh-Stadt)

Errichtet im 19. Jahrhundert von indischen Händlern in Saigon, ist der Mariamman-Tempel einer der bekanntesten hinduistischen Tempel Vietnams. Er ist der Göttin Mariamman gewidmet, einem Symbol für Fruchtbarkeit, Schutz und Gesundheit.

Die bunt verzierten Figuren von Ganesha, Vishnu, Shiva und anderen Gottheiten beeindrucken sowohl Gläubige als auch Besucher. Als Ort des Gebets, der Meditation und des Rückzugs veranschaulicht der Tempel die lebendige Präsenz des Hinduismus im modernen Vietnam.

Po Nagar Türme (Nha Trang, Provinz Khanh Hoa)

Zwischen dem 2. und 13. Jahrhundert errichtet, gehören die Po-Nagar-Türme zu den bedeutendsten Cham-Bauwerken. Sie sind der Göttin Po Nagar, der „Mutter des Landes“, gewidmet, die der Cham-Bevölkerung laut Legende das Weben und die Landwirtschaft lehrte.

Von den ursprünglich zehn Türmen stehen heute noch vier, darunter die Po Nagar Kalan (25 m), berühmt für ihre majestätische Architektur und ihre fein gearbeiteten roten Ziegel. Po Nagar ist weiterhin ein aktiver Kultort und wurde von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Heiligtum von My Son (Provinz Quang Nam)

Das UNESCO-gelistete Heiligtum von My Son ist das größte und heiligste religiöse Zentrum des Cham-Reiches. Zwischen dem 4. und 14. Jahrhundert erbaut, war es hauptsächlich Shiva geweiht, aber auch Vishnu und Ganesha wurden verehrt.

Das Gelände umfasst rund 60 Backsteintempel und Türme, verziert mit symbolischen Reliefs der hinduistischen Mythologie. My Son ist ein Meisterwerk der Cham-Architektur und zeigt indische, indonesische und malaiische Einflüsse – ein Zeugnis jahrhundertelanger kultureller Austauschprozesse.

Lebendiges Erbe des Hinduismus in Vietnam

Obwohl Vietnam heute überwiegend buddhistisch geprägt ist, nimmt der Hinduismus einen besonderen Platz in der religiösen Vielfalt des Landes ein. Die Cham-Gemeinschaft bewahrt weiterhin ihre traditionellen Riten, Feste und spirituellen Praktiken – ein lebendiges Bindeglied zwischen dem kulturellen Erbe von Champa und der modernen vietnamesischen Gesellschaft.

Die hinduistischen Tempel Vietnams sind nicht nur Kultstätten, sondern auch Symbole religiöser Toleranz und kultureller Vielfalt. Sie erinnern daran, dass Vietnam seit Jahrhunderten ein spiritueller Knotenpunkt in Südostasien ist.

Der Hinduismus in Vietnam ist nicht bloß ein Relikt der Vergangenheit, sondern ein weiterhin lebendiges Erbe, das die nationale Kultur bereichert. Von den Türmen von Po Nagar über My Son bis zum Mariamman-Tempel – all diese Stätten zeugen von der tiefgreifenden spirituellen und künstlerischen Prägung Indiens. Durch ihre Architektur, ihre Riten und ihre fortdauernde Lebenskraft bleiben sie ein wertvolles Zeichen des harmonischen Zusammenwirkens verschiedener Kulturen und Glaubenswelten in Asien.

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