Der Islam in Vietnam
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Wenig bekannt in der breiten Öffentlichkeit, ist die Präsenz des Islams in Vietnam dennoch alt, reich und tief in der Geschichte des Landes verankert. Bereits im 9. oder 10. Jahrhundert gelangte der Islam entlang der maritimen Handelsrouten, die den Nahen Osten, Indien und Südostasien verbanden, in die Region. Anders als in vielen Teilen der Welt verbreitete sich die Religion hier friedlich – getragen von Handelsbeziehungen, Heiraten und gegenseitiger kultureller Neugier.
Allgemeiner Überblick über den Islam in Vietnam
Der Islam in Vietnam ist eine kleine, aber seit Jahrhunderten bestehende Religionsgemeinschaft, die ab dem 9. Jahrhundert durch arabische, persische und indische Händler in das damalige Königreich Champa gelangte. Vor allem unter der Cham-Bevölkerung verbreitet, entwickelte sich ein friedlicher Islam, aus dem zwei Hauptströmungen hervorgingen:
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Cham Bàni: eine synkretistische Form, die Cham-Traditionen mit koranischen Lehren verbindet
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Cham Islam: sunnitischer Islam, näher an den Praktiken der muslimischen Welt

Festival Katê in Binh Thuan – Prozession traditioneller Gewänder und königlicher Schriftstücke zur Po-Sah-Inu-Turmgruppe, einem spirituellen Symbol der Cham
Heute leben etwa 80.000 Muslime in Vietnam, vor allem in den Provinzen An Giang, Ninh Thuan, Binh Thuan, Tay Ninh sowie in Ho Chi Minh-Stadt. Trotz ihrer geringen Zahl tragen die vietnamesischen Muslime sichtbar zur religiösen Vielfalt des Landes bei. Ihre Kultur, ihre Moscheen und ihre Feste – insbesondere Ramadan und Ramưwan – zeugen von einem offenen, friedlichen und historisch verwurzelten Islam.
Ursprünge und Entwicklung des Islams in Vietnam
Der Islam erreichte das Cham-Reich (Zentralvietnam) über den Seehandel mit arabischen, persischen und indischen Kaufleuten. Die genaue Zeit der Ankunft bleibt unklar, doch Forscher vermuten frühe Kontakte im 11.–12. Jahrhundert, gefolgt von einer stärkeren Konsolidierung im 17.–19. Jahrhundert durch malaiisch-muslimische Netzwerke.
Im Laufe der Zeit kristallisierten sich zwei bedeutende Ausdrucksformen heraus:
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Cham Bàni: stark durch Cham-Kultur und lokale Rituale geprägt, vor allem in Ninh Thuan und Binh Thuan
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Cham Sunniten: orthodoxer sunnitischer Islam, verbreitet im Mekong-Delta (An Giang, Tay Ninh) und in Ho Chi Minh-Stadt
Muslimische Cham in An Giang beim Gebet während des Ramadan
Zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert entstanden Moscheen, Koranschulen und Gemeinschaftsverbände, die den zeitgenössischen Islam in Vietnam strukturierten. Heute existieren muslimische Gemeinden in mehreren Provinzen und Großstädten; in Hanoi gilt die Al-Noor-Moschee als zentraler Bezugspunkt.
Muslimische Gemeinschaften in Vietnam
Der Islam in Vietnam organisiert sich hauptsächlich um die zwei Cham-Gemeinschaften Cham Bàni und Cham Islam, die unterschiedliche religiöse Identitäten und kulturelle Integration widerspiegeln.
Der Islam in Ninh Thuan zeugt vom lebendigen Glauben der Cham-Gemeinde, Hüterin jahrhundertealter Traditionen
Cham Bàni
In Ninh Thuan und Binh Thuan verwurzelt, praktizieren sie eine lokale Form des Islams, geprägt durch althergebrachte Cham-Bräuche und koranische Grundsätze. Ihre Religion ist das Ergebnis jahrhundertelanger kultureller Anpassung und bewahrt Elemente des Ahnenkults sowie gemeinschaftliche Rituale.
Cham Islam (Sunniten)
Diese Gemeinschaft, im Mekong-Delta und in Ho Chi Minh-Stadt vertreten, folgt einem orthodoxen sunnitischen Islam, ähnlich dem in Malaysia oder Indonesien. Sie verfügen über aktive Moscheen, Koranschulen und pflegen internationale religiöse Verbindungen.
Daneben existieren kleinere muslimische Gemeinschaften ausländischer Herkunft (Inder, Malaien, Pakistaner, Araber), die seit der Kolonialzeit in Vietnam ansässig sind und vor allem in Ho Chi Minh-Stadt und im Süden wirtschaftlich und kulturell aktiv sind.
Religiöses Leben und muslimische Feste in Vietnam
Das religiöse Leben vietnamesischer Muslime richtet sich nach den fünf Säulen des Islams: Gebet, Fasten im Ramadan, Glaubensbekenntnis, Almosensteuer und Pilgerfahrt nach Mekka.
Der Ramadan wird von den Gläubigen als Monat der spirituellen Reinigung begangen, mit täglichem Fasten und gemeinschaftlichem Gebet. Zum Ende des Monats feiern die Muslime das Fest des Fastenbrechens (Aïd al-Fitr / Raya Idil Fitri), später im Jahr das Opferfest (Aïd al-Adha / Raya Idil Adha), bei dem Fleisch an Bedürftige verteilt wird.
Die Schönheit der Ramưwan-Traditionen der Cham Bàni, Symbol für Glauben, Reinheit und spirituelle Einheit in Vietnam
Die Cham Bàni feiern zudem Ramưwan, eine besondere Festzeit, die Fasten, Gebet, Ritualreinigung von Gräbern und gemeinschaftliche Zeremonien verbindet – ein bedeutendes Beispiel für die Verschmelzung islamischer und Cham-Traditionen.
Imâm und Sư cả spielen zentrale spirituelle Rollen und leiten religiöse Bildung, Rituale und das Gemeinschaftsleben. Moscheen und Kulturvereine sind wichtige Zentren sozialer Solidarität und kultureller Weitergabe.
Der Islam im heutigen Vietnam
Muslime in Vietnam sind vollständig in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben integriert, besonders in Handel, Handwerk, Bildung und Gemeinschaftsarbeit. Ihre Präsenz ist besonders im Süden sichtbar, etwa in An Giang oder Ho Chi Minh-Stadt.
Der Islam gilt in Vietnam als friedliche, respektierte Religion, die interreligiöse Harmonie und Toleranz fördert. Der Dialog zwischen Cham-Muslimen, Buddhisten und Katholiken illustriert den kulturellen Pluralismus des Landes.
Mit der Modernisierung des Landes bewahren junge vietnamesische Muslime ihre religiösen Werte und öffnen sich gleichzeitig der zeitgenössischen Gesellschaft – ein Zeichen eines harmonischen, selbstbewussten und lebendigen Islams.
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