Vietnamesisches Röhrenhaus: Die einzigartige Architektur Vietnams

Jedes Land zeigt seine architektonische Identität durch Tempel, historische Gebäude und Wohnhäuser, die oft den lokalen Lebensstil widerspiegeln. In Vietnam ist es das „Röhrenhaus“ (Nhà ống), das die Aufmerksamkeit der Besucher weckt. Mit seiner schmalen und tiefen Form überrascht und fasziniert es zugleich: Warum sind vietnamesische Häuser so gebaut? In diesem Artikel erklären wir die Ursprünge und die praktischen Gründe hinter dieser architektonischen Besonderheit – einem Symbol für die kulturelle und wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit Vietnams.

Was ist ein Röhrenhaus?

Wer durch Ho Chi Minh Stadt, Hanoi oder andere vietnamesische Städte spaziert, erkennt sie sofort: Häuser mit einer extrem schmalen Fassade, die sich mehrstöckig in die Höhe bauen und dicht aneinander gereiht sind – oft sechs oder sieben in einer Reihe.

Vietnamesisches Röhrenhaus

Moderne Röhrenhäuser bestehen häufig aus 2, 3 oder 4 übereinanderliegenden Etagen. Diese vertikale Bauweise erklärt die hohen, schlanken Häuser, die das Straßenbild vieler vietnamesischer Städte prägen. Traditionelle Röhrenhäuser sind heute besonders in urbanen Gebieten verbreitet.

Wie entstand das Röhrenhaus?

Um zu verstehen, wie diese Architektur entstand, muss man zurück in die französische Kolonialzeit blicken. Damals – so erzählt man es – wurden die Grundsteuern nach der Breite der Hausfassade berechnet.

Je schmaler die Fassade, desto geringer die Steuer.

Die Vietnamesen passten sich kreativ an und bauten Häuser mit minimaler Breite, aber großer Tiefe. Auch wenn diese Steuerregel längst nicht mehr existiert, bleibt die Bauform aufgrund ihrer praktischen Vorteile weiterhin beliebt.

In der modernen Zeit, in der Städte dicht besiedelt sind und die Grundstückspreise rasant steigen, ist die vertikale Bauweise eine optimale Lösung, um viel Wohnraum auf wenig Bodenfläche zu schaffen. Gärten gibt es kaum; viele Familien nutzen deshalb die Dachterrasse für Gemüse- oder Blumenanbau.

Ein Stockwerk für jede Generation

Im vietnamesischen Familienmodell leben oft mehrere Generationen im selben Haus. Dieses gemeinsame Leben bietet viel Unterstützung: Großeltern passen auf die Enkel auf, während die erwachsenen Kinder sich um ihre Eltern kümmern.

Aber die Nähe kann auch zu Konflikten führen.

Das Röhrenhaus bietet eine ideale Lösung:

Jede Generation erhält eine eigene Etage, ausgestattet mit Schlafzimmer und Bad.

Das stärkt die Privatsphäre und bewahrt zugleich die Einheit der Familie. Die älteren Familienmitglieder bewohnen meist das Erdgeschoss, um Treppen zu vermeiden.

Die Gemeinschaftsräume – Küche, Ahnenschrein, Wohnzimmer – befinden sich traditionell im Erdgeschoss.

Typische Architektur der vietnamesischen Röhrenhäuser

Die Bauweise zeigt die Kreativität und Flexibilität der Vietnamesen im Umgang mit begrenztem Raum. Eine typische Röhrenhaus-Fassade misst:

  • 2,5 bis 5 Meter Breite

  • Tiefe: 5–8 Mal größer als die Breite

  • Fläche: etwa 25 m² pro Etage

Der Innenraum wird funktional gestaltet:
Mehr Räume? Einfach mehr Etagen hinzufügen.

Das Erdgeschoss kann als Garage, Büro, Geschäftsraum oder Wohnraum dienen. In der Mitte des Hauses befindet sich häufig ein Lichthof (giếng trời), der für Belüftung und Tageslicht sorgt.

Vietnamesisches Röhrenhaus

Die Häuser können ein Ziegel- oder Betondach besitzen. Auf den flachen Betondächern entstehen oft kleine Dachgärten. Mezzanine-Ebenen dienen dazu, zusätzliche Wohnfläche zu schaffen – besonders nützlich bei hohen Decken.

Die Rolle der Treppen

Trotz schmaler Grundfläche sind Treppen ein zentraler Bestandteil des Hauses. Sie sind nicht nur funktional, sondern haben auch eine spirituelle Bedeutung im vietnamesischen Feng Shui:

  • Die Stufen dürfen keine Lücken haben – aus Sicherheits- und Glaubensgründen.

  • Die Anzahl der Stufen sollte im Zyklus „Geburt – Alter – Krankheit – Tod“ (Sinh – Lão – Bệnh – Tử) auf „Geburt“ enden, um Glück und Harmonie zu fördern.

Handel und Geschäftsleben

Das Röhrenhaus spiegelt perfekt den Unternehmergeist der Vietnamesen wider. Viele Familien nutzen das Erdgeschoss als Geschäftsraum:

  • Café

  • Restaurant

  • Mini-Supermarkt

  • Werkstatt

  • Apotheke

  • Schneiderei

  • Schuhreparatur

Wohnen und Arbeiten unter einem Dach – effizient und typisch vietnamesisch.

Diese multifunktionale Nutzung macht das Röhrenhaus zu einem Modell urbaner Anpassungsfähigkeit.

Fazit

Die vietnamesischen Röhrenhäuser wurden im Laufe der Zeit modernisiert, haben aber ihren traditionellen Kern bewahrt. Sie sind Ausdruck von Einfallsreichtum, Gemeinschaftssinn und kultureller Identität.

Wer sich für Architektur oder Kultur interessiert, sollte sich unbedingt die Nhà ống genauer ansehen – sie zeigen auf beeindruckende Weise, wie die Vietnamesen ihren begrenzten Raum optimal nutzen und gleichzeitig ihre Wohntraditionen bewahren.

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